Speedy Linus in der großen Stadt
Erlebnisse eines Ex-Vierseners in DüsseldorfBald ist Ostern!
Diesen Monat ist es wieder soweit. Für ganze 4 Tage verdrehen wir ein wenig die Realität. Da sind die Eier plötzlich bunt und werden vom Hasen gebracht. Wir drehen mit Gewalt am Regler des Cholesterinspiegels. 10 Eier pro Tag sind ein Muss. So richtig lustig wird’s erst in Gesellschaft, wenn wir uns die Eier gegenseitig an der Stirn zerdeppern. Für den Rest des Jahres würde man hierfür eine Ohrfeige einkassieren. Andere Menschen wiederum entdecken ihre verborgenen Triebe und leben diese in der Schlachtung 6-Wochen alter Lämmer aus. Zart und Lecker ! Heiß auf den Tisch. Mit Rosmarinkartoffeln und zartem Bohnengemüse ist das noch junge und schon so knusprige Osterlamm ein Gaumenschmaus. Kaum sind die ersten Weidenkätzchen aufgeknospt, werden sie großzügig gekappt, um sie zu Hause in ein üppiges Gesteck als Träger ausgeblasener Ostereier zu verwandeln. „Komm wir blasen Eier aus!“ Auch für diesen Spruch müssten wir Männer für den Rest des Jahres jeweils 5 Euro Strafe in die Chauvi- Kasse zahlen. Ostern ist es erlaubt. Ostern geht fast alles. Ein getarntes, zweites Karneval feiern wir da. Doch heuer machen wir den Hasen zum Ochsen und das Lamm zum Sündenbock. Hier ist mein ganz persönliches Ostererlebnis:
Es ist Ostersamstag! Der Horizont zeichnet eine unebene Linie, die de facto keine ist. Hügelig ist die Landschaft. Ein klarer Himmel meldet zartes blau, welches völlig unverschleiert den Blick auf frühlingshaftes Wettertreiben zulässt. Am Firmament entlang des holprigen Horizonts wagt ein Radfahrer sich seinen Weg zu bahnen. Sein blondes gelocktes langes Haar wiegt sich entgegen seiner Fahrtrichtung den Weg nach hinten. Das ist nicht von Bedeutung. Vielmehr trägt er eine Tageszeitung geklemmt unter seinem Arm. Wer sich nicht darum schert, welches Ziel dieser Jüngling am Ende seiner Reise vor sich hat, wird ihn bald am linken Bildrand auf Nimmerwiedersehen verschwunden wissen. Er war ein Statist, nichts mehr. Ackerlandschaft bahnt sich den Weg vom Fuße des Bildes bis zum Beginn des Horizonts; noch unbewachsen und fern frühsommerlichen Treibens zarter Keimlinge. Es ist Tante Hildegard (Anm.: Namen geändert), die sich traut kurz von links ins Bild zu blicken um mahnend ein knappes aber bestimmendes „Na!“ zu sagen, bevor ihr Gesicht sich wieder im Nichts verliert. In Wirklichkeit war sie gar nicht da. Aber sie hätte gut hierher gepasst. Gott habe sie selig. War sie es vielleicht doch? Der Wind weht. Er schmerzt im Ohr. Störend an dieser Stelle wirkt einzig ein Kampfjet der rechtwinklig fast unbemerkt vom Himmel stürzt und sich vorwitzig in den Erdboden drängt. Manch ein anderer hätte hierfür eine gewaltige Explosion gebraucht, doch dieser hübsche Flieger schraubt sich ohne großen Aufsehens seinen Weg gen Erdkern. Nun ist er weg. An seiner Einschlagstelle würde ein gesunder Mensch einen Krater enormen Ausmaßes vermuten. Doch hier ist lediglich die Erde filigran in Form einer Vulva aufgehäuft. Man möchte den Boden küssen. Es duftet! Ostern.

Die Kinder suchen in fernen Gärten gesunder Familien bunte Eier. Papa hat den roten Wollpulli an. Den trägt er immer am Feiertag. Mama weint. Das kann verschiedene Gründe haben. Entweder weint Mama, weil alles so rührend ist, wie die Kinder im Garten die Eier suchen, oder weil auch ihr der Wind im Ohr schmerzt. Vielleicht trauert sie auch um den verschwundenen Radfahrer mit der Tageszeitung, den sie gerne näher kennen gelernt hätte, obwohl sie ihn in ihrer Lage gar nicht sehen, geschweige denn vermuten konnte. Sehnsucht! Am Ende wird es wohl Papas roter Wollpulli sein, der ihr weh tut. Ich möchte das an dieser Stelle nicht weiter hinterfragen. Mama hat schließlich auch ein Privatleben und ein Grund zu weinen ist rasch herbei gezaubert. Kein Wunder, dass sie weint. Ich selbst sitze einen guten Kilometer Luftlinie entfernt vom Geschehen und erzählte letzteres aus reiner Vermutung. Alles kann und nichts muss. Man kann mir Bequemlichkeit unterstellen und sollte das vielleicht sogar, so wie ich hier im Schneidersitz an dem Mauervorsprung sitze, hinter dessen Ende sich genau die Szene darstellte, die ich zu Beginn beschrieben habe. Ein Teil von ihr, wenn man den Radfahrer abzieht, existiert immer noch. Ich mag aber derzeit nicht über den Mauerrand hinwegsehen und genieße diesen Ostersamstag auf meine Weise. Zwar still, aber dennoch bestimmt. Ich darf das. Ich bin groß und erwachsen und muss nicht zu Hause sein bevor es dunkel wird. Und Hand aufs Herz, als Kind lag ich schließlich immer richtig. Denn erst mit dem Heimkommen wurde es dunkel, egal zu welcher Zeit! „Sei zu Hause, wenn es dunkel wird!“ hieß es da. Der Letzte macht das Licht aus. So sehr ich das Licht des Nachts im Flur mochte, ich war froh, wenn es aus war. War es an, so war das Licht auch laut. Zumindest unten im Wohnzimmer, wo ich nicht war. Es war der Klang den Fäuste in die Luft schneiden, wenn sie fliegen. Mich mag das heute nicht mehr sonderlich interessieren, wie ich hier so am Ostersamstag hinter meinem Mauervorsprung im Schneidersitz hocke und hinter mir der holprige Horizont, der einst unbekannten Radfahrern einen Weg bot, verborgen bleibt und den ich nur vom „Hören-Sagen“ her beschreiben kann. Mein Blick fällt auf meine Arme, die Venen ans Tageslicht treiben, deren blaue Farbe so manches Osterei blass aussehen lassen. Im Grunde ist alles im Lot! Wir feiern Ostern. Ich kann diese Geschichte von hier gut erzählen, weil es mein Platz ist. Alternativ hätte ich mich in einem Schlafzimmer an einen Schreibtisch setzen können und von dort aus berichten können. Dies jedoch erschien mir zu sehr an den Haaren herbeigezogen und wenig authentisch. Mein Platz ist hier! Genau hier. In einem schlechten Film käme nun in diesem Moment ein Taxi und würde mich mitnehmen wollen; nicht das Taxi, sondern der Fahrer darin. Entlang des holprigen Ackerweges vor mit tut sich jedoch nichts. Es ist still und ruhig. Höchstes Glück für mich. Aber, mir ist langweilig! Da kommt es mir in den Sinn, ganz plötzlich, ich könnte ja einfach „Nachdenken!“ Jau, das ist es! Nachdenken ist gut!
Schon wenn ich über das Wort „nachdenken“ an sich nachdenke, da stellt sich bei mir so etwas wie spontane Übelkeit ein. Man muss sich dieses Wort einfach mal in Ruhe mehrmals durch den Kopf gehen lassen. Hierbei ist es sinnvoll, in der Lautsprache das Wort künstlich zu dehnen und es sich mit einer möglichst nasalen und quäkenden Stimme phonetisch ins Bewusstsein rufen. „Naaaaaaachdenken“. Mit dem Wort in seiner tiefsten Bedeutung klingt direkt mit, dass man gedanklich hinterher hängt, wenn man nachdenkt. Wer nach-denkt denkt zu spät! Und was heißt das eigentlich, jetzt, wo ich hier sitze, und naaaaaachdenke ? Idealerweise stütze ich meinen Kopf nun auf die rechte Hand, deren Arm mit dem Ellenbogengelenk hölzern und knochig auf der Oberfläche meines gedachten Schreibtisches herumrutscht und keine rechte Position finden mag, in der es Ruhe finden kann. Ich sollte meinen Blick aus dem Fenster (welches nicht da ist) ins ferne Nichts entgleiten lassen und meine ansonsten glänzenden Augen in einen matt-trüben Schleier versehen und stillschweigend verharren, sodass jeder, der nun diesen Ort des Geschehens betreten würde, alsbald bei meinem bloßen Anblick zu der Erkenntnis käme „Hui, da denkt aber einer nach!“ Nachdenken hat so eine Raum füllende Melancholie, die imstande ist, auch den lustigsten und lebensfreudigsten Menschen in die tiefste Depression zu stürzen, wenn er einem nachdenkenden Menschen wie mir in die Nähe kommt. „Hey, was machst Du denn da?“ -“ Och, lass mich, ich muss naaaaaachdenken!“ Nachdenkende Menschen, wie ich es bin leiden dann ja unter chronischen Berührungsängsten, obwohl sie am liebsten gefragt werden würden: “Hey, worüber musst Du denn so nachdenken?“ Wenn diese Frage dann nicht kommt, dann steigert man sich erst recht ins nachdenken hinein, weil man gerade die volle Bestätigung hierfür bekommen hat, dass das, worüber man nachdenkt, ja weder der Nachfrage noch der Antwort darauf irgendetwas wert ist, und man ja sowieso nur über ungelegte Eier nachdenkt. Andererseits, wenn die Frage dann trotzdem käme, dann lautete meine Antwort hierauf natürlich:“ Ach, nichts besonderes!“ Natürlich kommt diese Antwort meinerseits in einem Tonfall, der andeuten soll, dass ich mir über die wesentlichen Dinge - um es mit Goethes Worten zu sagen- die die Welt im Kern zusammenhalten, den Kopf zerbreche. Das macht mich natürlich unweigerlich absolut interessant. Da will man doch mehr von mir erfahren, oder? Also wer spätestens jetzt nicht bohrt und mich flehend anbettelt: „Nun komm, bitte, sag mir worüber Du nachdenkst!“, der interessiert sich doch für gar nichts, oder?? Dem ist doch alles egal und der hat mit Gott und der Welt abgeschlossen. Gleichgültig und arm, sind die, denen mein Nachdenken am Arsch vorbei geht. Und meistens, ganz ehrlich, denke ich gerade über diese Menschen nach. Wenn sie das nur wüssten, wie sehr sie meinen kleinen mit Fleisch und Inhalt füllen. Wenn sie nur wüssten, dass sie mit ihrer Gleichgültigkeit hierin ganze Supernovae auslösen und Welten vernichten. Aber das ist ein Thema, das an dieser Stelle sicherlich den Rahmen sprengen würde und über das ich mal nachdenken sollte.
Und damit ist es bewiesen. Ostern kann nachdenklich machen. Mit dem Nachdenken kommt auch die Besinnlichkeit zum Fest. Und zu Ostern sind die ungelegten Eier bisweilen die interessantesten. Nach einer gewissen und verträglichen Zahl von Worten ende ich an dieser Stelle, wohl wissend, dass man erst nachdenken muss, wovon ich diesmal erzählt habe. Hierzu lade ich herzlich ein. Sacken lassen, durchatmen und nicht vergessen:
Wenn ich nichts habe, das ich mit niemandem teilen möchte, dann bekommt jeder alles.
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