Ex-Nachtsicht-Kolumnist Marcel Thebach alias Speedy Linus weilt nicht mehr unter uns - vor einiger Zeit schon kehrte er dem beschaulichen niederrheinischen Landleben den Rücken um fortan in den Betonschluchten der Banken- und Versicherungspaläste Düsseldorfs sein Glück zu finden. In alter Verbundenheit zur Heimatregion zwischen Niers und Nette erklärt er den Tien Anton Lesern seine Sicht der Dinge.Anm. der Redaktion: aufgrund unglücklicher Kommunikationsabläufe hat die Aktualität des folgenden Textes etwas gelitten. Wir finden aber, dass er zu schade ist um in der Schublade zu vergammeln, darum jetzt aber endgültig, wenn auch mit einiger Verspätung:Hurra, die neuen Todsünden sind da Der treue Anhänger der römisch-katholischen Glaubensgemeinschaft, bekam als kleines Dankeschön für seine unendliche Glaubenstreue in den vergangenen Tagen einen Beweis dafür, dass seine Kirchensteuer nicht einfach irgendwo im Nirvana verpufft, sondern dass hier noch Arbeit für richtig gut angelegtes Geld geleistet wird.
Und weil gerade die katholische Kirche ja bekannt ist für ihr Feingefühl, was den Zeitgeist betrifft, hat man im Vatikan nicht lange gefackelt und den bekannten und verabscheuungswürdigen, jedoch möglicherweise etwas altbacken klingenden Todsünden ein neues und trendiges Outfit verpasst.
Durch die neuen Todsünden verfallen demnach die alten und verwirken ihre Gültigkeit. Mit einem kleinen Rückblick darauf, wollen wir uns doch erst einmal einen Überblick darüber verschaffen, welche neuen und interessanten Möglichkeiten uns der Wegfall vergangener Schandtaten ermöglicht. Ich beziehe mich hierbei lediglich auf eine kleine Auswahl ehemals qualitativ hochwertiger Sünden:
GeizGeiz ist nun erlaubt und völlig legal. Schon seit längerem wissen wir, dass Geiz sogar geil ist. Meins bleibt meins, wie es singt und lacht. Als Einzelkind, welches ohnehin nicht mit anderen Menschen teilen kann, ist diese Innovation ganz nach meinem Gusto. Endlich vorbei sind auch die Zeiten, da ich mich mit meinem Mittagsmahl bei der Arbeit auf dem Klo einschließen musste. Meine Kiste Bier muss ich nun nicht mehr im Wald verbuddeln, um mir mühevoll bei Wind und Wetter ein Fläschchen in Ehren zu gönnen, nein, ich kann sie ganz offiziell und sogar ein wenig provokant mitten auf den Küchentisch stellen versehen mit einer Leuchtreklame, die da behauptet: „Meins!!“
NeidVöllig OK ! Neid ist „in“. Besonders neidisch bin ich übrigens auf geizige Leute, die besseres Mittagessen mit zur Arbeit bringen, oder mir kein Bier abgeben. Ganz besonders freue ich mich aber für die Frauenwelt in dieser Sache. Der durch Sigmund Freud beschriebene Penisneid der Frau, ist nun kein gesellschaftliches Tabu mehr, sondern kann ganz frei und öffentlich ausgelebt werden. Die selbstbewusste und moderne Frau zeigt ihren Penisneid gerne, ja, sie trägt ihn sogar offen. Kam es seinerzeit gar einer Beschimpfung gleich zu behaupten „Du bist ja schon ganz gelb vor Neid“, denkt mittlerweile sogar die Kosmetikindustrie um und gibt mit einer in Gelbtönen gehaltenen Make-Up- Kollektion den Trend für den Sommer 2008 an.
WollustDer Begriff der Wollust wurde mit Inkrafttreten der neuen Rechtschreibung ohnehin ein zu überdenkender, da sich Wollust auf Neudeutsch schließlich mit 3 L (also: Wolllust) schreibt. Zu Zeiten des drohenden Klimawandels und der allgemeinen globalen Erwärmung, hat diese Todsünde sicherlich auch ihren Reiz des Verbotenen hinter sich gelassen. Ich gestehe dennoch – und diesen Schuh muss ich mir anziehen- auch in der Vergangenheit gerne sowohl Wollpulli als auch Strickjacke getragen zu haben, zwar stets ein wenig mit schlechtem Gewissen, dafür habe ich jedoch in der Öffentlichkeit meist darauf verzichtet, um nicht unnötig für Provokation zu sorgen und Ärgernisse auf mich zu ziehen. Dennoch würde ich auch heute, vielleicht nicht unbedingt sofort ein Gotteshaus mit Wollpullover betreten, da ihm bis zur völligen gesellschaftlichen Akzeptanz sicherlich eine Zeitlang noch etwas Anrüchiges anhaftet.
VöllereiIch mach es kurz und knapp. Schwachsinn! Es gibt nur einen Rudi Völler.
Ich lasse den Rückblick an dieser Stelle enden und schaue in die Gegenwart und Zukunft. Was ist erlaubt und was ist ab sofort Todsünde und was bedeutet das für uns:
DrogengebrauchIch muss ein wenig staunen. Ab sofort gibt es keinen Wein mehr in der Kirche? Was ist mit der bewiesenermaßen halluzinogenen Wirkung von Weihrauch? Ist das alles Geschichte? Was wäre, wenn ein getrocknetes Heilkraut (z.B. Kamille), welches per Definition als Droge bezeichnet werden muss, fortan nicht mehr ohne ein ruiniertes Gewissen angewendet werden darf? Wäre es denn, wenn man schon Wortspielerei betreiben muss nicht vielleicht sinnvoll gewesen, einmal über die Unterschiede der Begrifflichkeiten „Gebrauch“ und „Missbrauch“ nachzudenken? Ich lasse das mal so im Raume stehen und gehe über zur
Genetischen ManipulationHier fällt doch was auf, oder? Während die alten Todsünden ja noch was für den Heimgebrauch waren, die jeder ohne all zu großen technischen Aufwand betreiben konnten, erreichen wir mit der genetischen Manipulation als Todsünde eine ganz neue Dimension. Genetische Manipulation ! Doch möglicherweise ist das von mir zu „groß gedacht“, denn schließlich könnte es ja auch den hobbymäßigen Rosenzüchter betreffen, der sich an neuen Läuse-resistenteren Kreuzungen versucht?! Liege ich mit meinen Erinnerungen völlig verkehrt, wenn ich behaupte, dass Mendel (Mendel`sche Gesetze) ein Mönch war, der den hauseigenen Klostergarten betreut hat? Wird dieser gute Mann nun posthum zum Todsünder erklärt, weil er Erbsen miteinander gekreuzt hat, die sich wohl unter „normalen Umständen“ nicht kennengelernt hätten? Noch ein wenig nachdenklicher werde ich, wenn ich mir die nun folgende neue Todsünde anschaue:
Missbrauch von Kindern und JugendlichenVorbildlich finde ich an dieser Sache, dass eigentlich ethisch und moralische Selbstverständlichkeiten, die gesetzlich verankert sind und die „Gott sei Dank“ strafbar sind, nun auch in den Todsünden einen verdienten Platz finden. Jedoch muss ich mich als ehemaliger Internatsschüler eines Franziskanerklosters ein klein wenig bedeckt halten mit meinen Äußerungen, die ich in dieser Sache gerne einmal lauthals öffentlich ausschreien würde. Gut nur, dass ich eine 3-jährige Psychotherapie hinter mir habe und meine Wut im Bauch (ach ja, eine der alten Todsünden war ja auch „Zorn“ – darf ich jetzt also auch zornig sein) etwas gezügelt habe. Wer in Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Steinen werfen. Bevor es mit mir durch geht, wende ich mich an dieser Stelle vielleicht doch noch einer abschließenden anderen Todsünde zu:
Exzessiver ReichtumJa liebe Kirche. Jetzt hab ich echt ein Problem. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich es verhindern kann, dass ich mir soviel Kohle auf die hohe Kante legen kann. Ich befürchte an meinem exzessiven Reichtum einfach nicht vorbei zu kommen, insbesondere jetzt, da ich ja geizig sein darf. Bei mir klingelt einfach den ganzen Tag unentwegt die Kasse. Ich bin absolut verzweifelt und sehe keinen Ausweg mehr. Einzig und allein für den Moment wird mir wohl bleiben , an dieser Stelle einen Schlusssatz zu finden, um dann mit mir in Klausur zu gehen und möglicherweise einen Weg zu erarbeiten, wie ich angemessen Buße tun kann.
„Du sollst nicht herrschen über Leben und Tod“ – irgendwo in einem sehr bekannten Buch, habe ich das einmal gelesen. Wer jedoch Todsünden definiert, macht zumindest in der Theorie demnach etwas falsch. So wäre es denn ratsam gewesen, bei der Definition der neuen Todsünden, den „Dingern“ vielleicht komplett eine neue und zeitgemäße Bezeichnung zu geben. Ich plädiere hierbei für ein neudeutsches Wort. „Die sieben No-Go`s“
So ändert sich dann am Ende nichts und alles bleibt wie es ist. Paradoxerweise sind wir ja in einer Kaputten Welt alle Teil des „Ganzen“.
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