18.6.08

Durchblick in Dülken nur für Privatpatienten?

dmai "Guten Tag, ich würde gerne einen Termin für eine Augenuntersuchung bei Ihnen machen." - "Sind Sie schon Patient bei uns?" - "Nein, bis jetzt noch nicht." - "Moment, ich schaue mal nach, und denken Sie bitte auch daran, entweder ihre Versichertenkarte oder eine Überweisung mitzubringen!" - "Ja, geht klar, ich werd' dran denken." - "Ja, jetzt muss ich Ihnen leider sagen, dass wir zur Zeit vollkommen 'zu' sind, der früheste Termin, den ich Ihnen anbieten kann, wäre im neuen Jahr..."

Wer in Dülken einen Augenarzt braucht hat als Kassenpatient ein Problem.

Wir schreiben das Jahr 2008, der Frühling geht langsam zu Ende, es ist Mitte Juni. Wäre ich nicht auf den Verlauf des Gesprächs vorbereitet gewesen, hätte es mir spätestens jetzt die Sprache verschlagen. Zu absurd erscheint mir die Wortwahl vom "neuen Jahr", angesichts des Umstandes, dass das aktuelle nicht einmal halb rum ist. Was aber ist der Grund für eine Dülkener Augenarzt-Praxis, im Spätfrühling gewissermaßen schon wieder den Advent auszurufen?

Nach den Erkenntnissen von Helga W. (Name geändert) gilt die sonderbare Kalenderverbiegung einzig und allein Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen, Privatpatienten können auch weiterhin auf die gewohnte Abfolge der Jahreszeiten vertrauen. Der Verlauf ihres Telefongesprächs mit der Augenarzt-Praxis zur Absprache eines Termins hatte die aufmerksame Dülkenerin stutzig gemacht. Dieses entsprach inhaltlich meinem oben beschriebenen Erlebnis. Zusätzlich bekam die Frau den Rat, sich anderweitig nach einem Augenarzt umzusehen, wenn ihr Fall dringend sei. Den Einwand von Frau W., dass es sich doch hier um die einzige augenärztliche Praxis im Ort handele wurde mit dem Hinweis auf entsprechende Fachärzte in den Nachbarorten quittiert.

Nachdem der erste Ärger über diese wenig hilfreichen Hinweise verflogen war fing Helga W. an, sich so ihre Gedanken zu machen: wenn es doch ohnehin auf absehbare Zeit keine Termine gab, wieso wurde der Information über diesen Umstand scheinbar beiläufig der Hinweis auf Versichertenkarte bzw. Überweisung vorangestellt, fragte sich die verhinderte Patientin. Ihr allmählich aufkeimender Verdacht: die lapidare Nachfrage dient lediglich der diskreten Ausforschung des Versicherten-Status des Anrufers, um sich auf diese Weise unliebsame weil weniger gewinnträchtige Kassenpatienten vom Leibe zu halten.

Nun war Helga W.s detektivischer Spürsinn erwacht und die resolute Frau machte sich daran, Belege für ihren Verdacht zu beschaffen. Sie bat einen -privatversicherten- Bekannten, sich ebenfalls telefonisch um einen Termin in der Praxis zu bemühen. Das Gespräch folgte dem uns mittlerweile bekannten Muster. Auf die beiläufige Erinnerung an Versichertenkarte oder Überweisung erwiderte der Mann wahrheitsgemäß, er sei Privatpatient. Er bekam einen Termin nur wenige Tage später. Um sich endgültig zu vergewissern, stiftete unsere Hobby-Detektivin schließlich noch die eigene Schwester zu einer Terminabsprache an. Die ist zwar nicht privatversichert, gab aber am Telefon vor, es zu sein, als auch sie auf Versichertenkarte bzw. Überweisung angesprochen wurde. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch die Schwester von Helga W. einen Termin in den nächsten Tagen bekam.

Helga W. wandte sich schließlich an Tien Anton, mit der Bitte, die Geschichte öffentlich zu machen, was wir hiermit gerne getan haben. Auch ein Brief an ihre Krankenkasse zum Thema ist unterwegs. Was bleibt ist die Feststellung, dass dieser fast unglaubliche Fall von Zwei-Klassen-Medizin selbst die Erkenntnisse der in diesem Bericht erwähnten Studie bei weitem in den Schatten stellt.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Leider fast bei jedem Arzt zu beobachten, auch wenn das schon ein besonders krasser Fall ist. Ist das eigentlich gar nicht strafbar?

Speedy Linus hat gesagt…

Kann ich nur bestätigen. Habe den Fall bei einer bekannten Person erlebt, die eine virusbedingte Nervenerkrankung erlitten hat, die quasi einen Notfall darstellte. Die entsprechende Diagnose wurde wegen ihrer Aufwendigkeit jedoch nicht gestellt, da zu aufwendig und teuer...ja eben Kassenpatient. Besagtem Kassenpatient wurde auch erst dann geholfen, als er sich auf seine Symptome bezogen "durchgegoogelt" hatte und sich seine Diagnose selbst gestellt hat. Es war kurz vor Feierabend in diesem Falle. Per Notarzt hat er sich dann auf den eigenen Verdacht untersuchen lassen (Danke an den großzügigen Notarzt an dieser Stelle, der sich darauf eingelassen hatte)und der Diagnoseverdacht hat sich bestätigt. Ohne die eigene Initiative, wäre besagter Patient heute gelähmt und sprachbehindert...

ralfi hat gesagt…

früher hätte es sowas nicht gegeben...