21.6.08

Ferien-Lesetipp: Vigoleis it!

dmai Nach allem, was man so mitbekommt, ist das gute alte Buch nach wie vor nicht kaputt zu kriegen. Selbst Hermann Hesse lesende Jugendliche sollen vereinzelt wieder gesichtet worden sein. Wenn das als Indiz für ein wieder erstarkendes Interesse an den modernen Klassikern der Literatur gelten kann, dann will ich mit Genuss in diese Kerbe schlagen und all denen einen ebensolchen ans Herz legen, die, wie ich selbst auch, eigentlich nur im Urlaub, am Strand oder im Zelt zum Bücherlesen kommen. Passend zur regionalen Ausrichtung dieser Seite gilt unser Literatur-Tipp dabei einem Autor, der als gebürtiger Süchtelner seine letzten Lebensjahre im Dülkener Altenheim St. Cornelius verbrachte, wo er am 9. April 1989 verstarb.

Tien Antons ultimative Empfehlung für alle Backpacker, Interrailer und Strandnixen: "Die Insel des zweiten Gesichts" von Albert Vigoleis Thelen. Vor einigen Jahren von der Literaturkritik wiederentdeckt ist der Vigoleis-Hype zwischenzeitlich wieder abgeebbt. Dass die öffentliche Anerkennung von Person und Werk erst in Thelens letzten Lebensjahren stattfand, ist wohl am ehesten mit seiner konsequent jede deutschtümelnde Vaterlands-Anbiederung vermeidenden kritischen Grundhaltung gegenüber der Heimat zu erklären.

"Die Insel..." beschreibt die Abenteuer, die der bekennende Kartoffel-Hasser Vigoleis vor dem Hintergrund des Herannahens von zweitem Weltkriegs und Franco-Diktatur auf Mallorca erlebt, wohin es ihn gemeinsam mit Lebensgefährtin Beatrice verschlagen hat. Mit opulentem Sprachschatz und, ganz wie sein berühmter Zeitgenosse Thomas Mann, im für seine Zeit eigentlich fast schon zu "klassischen" Tonfall beschreibt Thelen das pralle Inselleben, charakterisiert die Mallorquiner und diejenigen, die aus allen Ecken Europas zugereist, auf der schon damals beliebten Insel versuchten, sich eine neue Existenz aufzubauen. Die Vorläufer des modernen Aussteigers gewissermaßen, zahlenmäßig zunehmend verstärkt durch jene, die glaubten, sich auf der Insel vor den Nazis fernhalten zu können.

Der Vergleich mit Thomas Mann ist mir beim Lesen des Buches öfter in den Sinn gekommen, einfach weil der Autor sich eines ähnlich umfassenden, scheinbar unerschöpflichen sprachlichen Reichtums bedient wie der Lübecker. Im Gegensatz zu diesem glänzt unser Süchtelner darüber hinaus mit einer geradezu antibürgerlichen Grundeinstellung, die dem Beschriebenen einen gewissen anarchischen Charme verleiht, der sich in diesem Ausmaß bei Mann nicht finden lässt. Schön auch, wie der Autor in die Beschreibungen seiner mallorquinischen Abenteuer immer wieder Episoden aus der niederrheinischen Heimat einfließen lässt, um durch die demonstrativ aufgezeigten Gegensätze eine um so treffendere Beschreibung der in vielem doch so anderen mediterranen Lebensart der Inselbewohner zu liefern.

Auf diese Weise lässt Thelen ein paneuropäisches Sittengemälde von überbordender Opulenz und zeitgeschichtlicher Authenzität entstehen, das in der zeitgenössischen Literatur seinesgleichen sucht und doch kaum findet. Außerdem gibt es in dem Buch ein paar wunderprächtige und in ihrer archaischen Schlichtheit überzeugend zeitlose Beschreibungen des ewigen Zweikamps der Geschlechter mit einer erfrischend unverkrampften Gewichtung der erotischen Aspekte von Zweisamkeit.

Zu finden ist "Die Insel des zweiten Gesichts" in unterschiedlichen Ausgaben auf so manchem Wühltisch, bei diversen Internet-Anbietern, beim Buchhändler Eures Vertrauens oder im gut sortierten Antiquariat.