15.9.08

Wer geht hin?

Jazz Festival Viersen nur für Studienräte, Ärzte, Architekten und Rechtsanwälte?

dmai
Jazz-Veranstaltungen im Raum Viersen stoßen beim jüngeren Publikum üblicher Weise auf wenig bis gar keine Resonanz. Ein Umstand, den wir an dieser Stelle nicht nur einmal bedauert haben und den auch die in Viersen maßgeblich das Jazz-Geschehen antreibenden Kräfte wahrnehmen. Ali Haurand, Viersener Kontrabass-Legende und künstlerischer Leiter des Viersener Jazzfestivals wie auch der Düsseldorfer Jazz Rally, bekommt glänzende Augen, wenn er von seinen Gastspielen in Osteuropa berichtet: "Da sind die Hälfte der Zuschauer zwischen zwanzig und fünfundzwanzig, das ist einfach großartig, bei uns aber leider unvorstellbar."


Jazz Festival Viersen: wird im regulären Programm zu wenig gewagt?

Und was tun Haurand und die Verantwortlichen vom Kulturamt der Stadt, um das Viersener Festival für die jüngeren Musikfreunde interessanter zu gestalten? Da gibt es den Festival-Sonntag, wo unter dem Titel Junior's Jazz Open von der WDR-Maus bis zum Jugendchor bzw. -orchester für alle jugendlichen Altersklassen etwas geboten wird. Diese Hinwendung zum jungen Publikum bis hin zum Vorschulalter ist sicherlich aller Ehren wert und kann vielleicht sogar den ein oder anderen zukünftigen Jazz-Fan hervorbringen. Andererseits stellt solch ein eigener "Jugend-Tag" aber auch einen Akt der Ausgrenzung dar. So schön er für die Kleinen sein mag, so sinnlos ist er in Bezug auf Jugendliche und junge Erwachsene.

Die empfinden so etwas - mit Recht - lediglich als gönnerhafte Attitüde der altehrwürdigen Jazz-Kenner-Garde der wohl situierten und saturierten Viersener Studienräte, Ärzte, Architekten und Rechtsanwälte. Welcher junge Mensch im fortgeschrittenen Teenager-Alter geht denn zum Beispiel freiwillig noch zum Kinderarzt? Das wäre doch zu peinlich! Bezogen auf's Viersener Jazzfestival bedeutet das: Rahmenprogramm für Kinder vor der Festhalle? Ja bitte! Jugendprojekte wie Jugendchor oder -orchester, ja, aber dann bitte ins ganz normale Tagesprogramm integriert, etwa jeweils als Opener.

Ansonsten: bitte vermehrt versuchen, ins reguläre Programm auch Acts einzubauen, die im Grenzbereich zwischen Jazz und Jugendkultur angesiedelt sind. Berührungspunkte sind doch da, sei es im HipHop, in der vielfältigen Clubkultur der elektronischen Tanzmusik oder auch bei dem ein oder anderen schräg-ambitionierten Projekt aus der Indie-Pop-Ecke. Denkbar wäre da vieles. Einfach mal etwas mehr wagen. Es kann eigentlich nur Gewinner geben.