Außer Ralfs ausführlichem Kommentar gab es zu meinem Lamento zum Thema allgemeine Antriebsschwäche im Advent auch die persönliche E-Mail eines wohlwollenden Tien-Anton-Lesers. Der in besagtem Text von mir als 'Winterdepression' beschriebenen Gemütslage verpasste der E-Mail-Schreiber kurzerhand die vielleicht sogar noch eine Spur treffendere Bezeichnung 'Lichtmangelkrankheit'. Dazu gab es, freundschaftlich fürsorglich, gleich noch den Link zu einer ausführlichen Abhandlung zum Thema, den ich hiermit an die Tien-Anton-Leser weitergeben möchte.
Mir persönlich machte die Lektüre Lust, auf die Jagd nach Endorphinen zu gehen. Diese sollen ja bekanntlich selbst bei Niesel- oder Schneeregen am ehesten unter freiem Himmel zu finden sein und so entschloss ich mich, Kälte hin, Schneefall her, zu einer gut vermummten Fahrradtour zwecks Erweckung meiner in Dezemberstarre gefallenen Lebensgeister. Keine Tour ohne Ziel, nach kurzem Überlegen und einem Vorwarnungs-Telefonanruf war der Besuch eines lange vernachlässigten Uralt-Freundes, nennen wir ihn Günter, ausgemachte Sache. Um die 15 Kilometer querfeldein von Dülken nach Rheydt - eine gute Distanz, nicht zuviel und nicht zuwenig.
Unterwegs maß meine durch den Enthusiasmus des Aufraffens geschärfte Aufmerksamkeit manch scheinbarer Belanglosigkeit am Wegesrand tiefere Bedeutung zu, jedes mit der nasskalten Dezemberluft aufgesogene Detail löste entweder umfangreiche Erinnerungsketten oder ausschweifende Phantasien über Herkunft und Auswirkung des Gesehenen aus. Die nicht zugestellten Zeitungs-Pakete vom Wochenend-Käseblättchen, unter einem Gebüsch am Waldrand kaum versteckt, der Lieferwagen eines Gebrauchtmöbelhandels, dessen Dienste ich vor Jahren auch schon mal in Anspruch genommen hatte.
Ein besonders intensives déja vu verschaffte mir der Geruch beim Durchqueren eines Industriegebietes auf Höhe des dort angesiedelten Geländes eines Metall-Verwerters, vulgo Schrotthändlers. Die einmalige olfaktorische Mischung aus altem Maschinenöl, Stahl, Rost und durchgeschwitzten ledernen Arbeitsschutz-Handschuhen entführte meine Erinnerung in die Zeit als Arbeiter im Industrieabbruch. Manchmal knöcheltief in Glaswolle, Dreck, Asbest und Arbeiterschweiß hantierend war das eine Arbeit, bei der man am Abend körperlich spüren konnte, was man tagsüber geleistet hatte. Der daraus resultierende Schlaf war jedenfalls ein vielfach ehrlicherer als die Stresshormon-verseuchten und multimedial befeuerten Pseudo-Ruhephasen heutiger Tage. Andereseits hat so ein schicker, warmer, trockener Hightech-Bildschirmarbeitsplatz im Kreise eloquenter, gut aussehender Kolleginnen und Kollegen natürlich auch sein Gutes.
Bei Günter angekommen flüchteten wir bald gemeinsam aus dessen Messie-mäßig tageszeitungszugestapelter Zweizimmer-Alt-Junggesellenwohnung hinaus auf den Glühweinstand am Rheydter Weihnachtsmarkt, wo wir meinen gerade erst frisch aufgefüllten Glückshormonen ein finales Glühwein-Bad spendierten. Nicht zuletzt wohl wegen des seit einiger Zeit geschlossenen Ratskellers herrschte hier reger Betrieb. Zu Füßen des altehrwürdigen Rathauses diskutierten wir dann unter anderem die kulturtheoretische Frage, ob dem berühmtesten Rheydter, Joseph Goebbels, seine niederrheinische Herkunft und das damit verbundene vermeintlich spezifische Gespür für soziale Zusammenhänge, wohl von Nutzen gewesen sein mag bei seinem steilen Aufstieg auf der Nazi-Karriereleiter. Der so hoffnungsvoll begonnene Tagesausflug endete also, wie sich das gehört, in allerlei irrelevanten Spekulationen, Glühwein-beseelten Diskursen und nicht zuletzt dem Austausch sentimentaler Erinnerungen. Gut, sich aufgerafft zu haben.
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